Kolumn

Shitstorm

Seit eineinhalb Wochen weiß ich persönlich, wie sich ein Shitstorm in sozialen Medien anfühlt. Als Eigentümervertreter eines Unternehmens, das eine knappe Woche lang in sozialen Medien im Schaufenster stand.

Der Auslöser war kleines Etikett auf einer Bio-Obstverpackung, das zwar rechtlich gesehen korrekt ausgeführt war, aber am Beginn der Kampagne in den Augen einiger weniger emotional nicht zusammen passte.

Es löste wieder einmal die Grundsatzfrage aus, ob Bio regional sein muß oder auch vom anderen Ende der Welt kommen kann. Die Zweite Frage war, ob ein Saisonprodukt wirklich 365 Tage im Jahr im Regal verfügbar sein muss. Die dritte Frage war, ob nach dem Angebotsende eines Bioproduktes ein regionales konventionelles Produkt oder ein Bioprodukt aus der Südhalbkugel den Platz im Regal einnehmen soll.

Aber die wirklichen Grundsatzfragen wurden nur am Rande abgehandelt. Auf Facebook ist „teilen“ ein so einfaches „vermehren“ eines Postings, dass es sehr oft unbewusst erfolgt. So war es möglich, dass innerhalb kürzester Zeit ein zig-tausendfaches „Teilen“ eines Fotos von einem Verpackungsetikett stattfand. Wenn man aus den Erfahrungen hochrechnet, so haben etwa 20.000 bis 30.000 User bewusst oder unbewusst registriert, dass es unsere Firma gibt.

Was für mich ein neues Gefühl war, dass ein beachtlicher Teil der Postings geprägt war von einem persönlichem Frust, der gar nicht direkt mit unserem Produkt zu tun hatte. Jene Ansagen, die weit unter der Gürtellinie waren, die persönliche Diffamierungen enthielten oder die derbe und verrohende Begriffe enthielten, konnte von Seitenbetreibern durch die Raschheit der Welle nicht zeitnah gelöscht werden.

Bei der Kontaktnahme mit den FB-Seitenbetreibern, von denen die meisten Postings ausgegangen waren, waren diese meist selbst von der Dynamik überrascht. Auf der einen Seite stolz, dass ihr Posting innerhalb kürzester Zeit über 1.000 mal geteilt wurde. Auf der anderen Seite auch berührt, dass sie Teil eines versuchten Rufmordes in einem System mit einer ungeahnten Eigendynamik geworden sind.

Wie geht man als Betroffener mit einer solchen Situation um? Es ist wie ein Sack voller Flöhe, der aufgebrochen ist. Die Dynamik ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu beeinflussen. Eine Stellungnahme des Unternehmens ist notwendig, um alle direkten Anfragen an das Unternehmen seriös zu beantworten. Es sind in der Folge auch alle Aussenwirkungen nochmals zu durchforsten, damit in Zukunft alle Innen- und Außenwirkungen stimmig sind.

Mit anderen, neuen Fake-Meldungen gibt es wieder andere Themen in der öffentlichen Wahrnehmung. Es gilt sinngemäß auch für die neuen Medien ein altes Sprichwort: nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.

Fritz Prem