Wittenberg Gemüse / Elite Frische Service GmbH

Vollversorgung18. September 2022

Wenn der Lebensmittelhandel die Botschaft der Bauern transportiert, dass diese eine Vollversorgung garantieren, dann ist das die eine Seite. Sie hätten damit dieses Versprechen ein zu lösen – auch in ihrem Verhalten Richtung Bauern.

Wenn aber Bauernverbände und Bauern selbst dabei assistieren und nicht müde werden, in aller Öffentlichkeit sich zu rühmen, dass sie immer und jederzeit sich abrackern, damit eine Vollversorgung der gesamten Bevölkerung gegeben ist, dann haben sie nach den ungeschriebenen Spielregeln des Marktes einen Trumpf in der Vermarktung aus der Hand gegeben.

Sie liefern immer – ohne wenn und aber.

Dankbarkeit zu erwarten ist hier keine Kategorie

Wenn ich als Anbieter nicht die freie Wahl habe, bei einem zu tiefen Preisgefüge am Markt kein Produkt für den Kunden zu produzieren, dann habe ich eine Spielregel des Marktes missachtet.

Der Produzent hat sich ja damit moralisch verpflichtet, immer zu liefern.

Der Aufkäufer ist damit aus der Pflicht entlassen, für ein Preisgefüge zu sorgen, damit sein Lieferant kaufmännisch wirtschaften kann. Der Produzent liefert sowieso immer, er hat es ja über seine Vertreter dem Konsumenten versprochen.

Solche Verhaltensmuster haben eine langfristige Auswirkung. Wenn sich Bauern nicht mehr wirtschaftlich an ihr Versprechen halten können um den Markt voll zu versorgen, dann hören sie auf. Unweigerlich und endgültig.

Langfristig destruktive Wirkung

Bei der Milchproduktion ist diese Entwicklung bereits voll im Gang. Für bestehende Molkereien ist damit zu wenig Rohstoff vor Ort. Die Molkereien haben ein wirtschaftliches Problem und müssen Rohstoff von anderswo her bekommen. Sie damit müssen auch vom Begriff „Regional“ Abschied nehmen.

In der Obstsparte sehe ich eine gleich gelagerte Entwicklung bereits im Gange.

Bauernhöfe mit Obstproduktion finden mittlerweile wieder schwer Nachfolger. Extensivierungsvarianten auf Grund der massiv gestiegenen Pflanzenschutzmittel- und Düngemittelpreise bringen unweigerlich einen langsamen Rückgang der Erträge.

Die Marktmittler bringen zu wenig Geld vom Markt

Obsthändler vor Ort bekommen damit mittelfristig weniger Mengen und damit weniger Fixkostenträger ins Haus. Sie müssen daher ihre Lager an branchenfremde Mieter weiter geben oder handeln in Zukunft mit Äpfeln aus Polen, Chile oder Neuseeland. Haben sie das wirklich so gewollt?

Zusammenfassend sei Ursache und Wirkung festgehalten:

Erzeuger verstoßen gegen die ungeschriebenen Spielregeln des Marktes.

Es kommt damit zu wenig Geld vom Markt zum Erzeuger.

Verursacher von zu wenig Geld für die Produzenten sind nicht die Konsumenten, sondern die Marktmittler dazwischen.


Fritz Prem

KOMMENTARE (2) Artikel kommentieren
20.09.2022
22:11 Uhr
Dr. Hanspeter Madlberger
Sehr verehrter Fritz Prem,
ihre Kommentare lese ich stets mit größtem Vergnügen, weil sie sich durch hohe Fachkompetenz und fundierte Marktkenntnis auszeichnen und unseren Bauern den so wiichtigen Blick über den Tellerrand ermöglichen.
Ihre Ansicht, wonach ein radikales Engagement der Bauern zur nationalen Vollversorgung ein Schuss ins eigene Knie ist und den Absatzmittlern in die Hände spielt, möchte ich dennoch kritisch hinterfragen.
1. Das Bekenntnis der Bauernverbände zur größtmöglichen nationalen Vollversorgung ist ohnehin ein reines Lippenbekenntnis, Ob als Produzenten von Obst und Gemüse, Milch und Fleisch oder Wein, unsere Bauern-Vertreter wollen einerseits den Patriotismus-Bonus, kassieren indem sie die Solidarität der heimischen Konsumenten in Anspruch nehmen. Das ist ihr gutes Recht. Aber sie wollen ebenso ihre Exportchancen wahrnehmen. Das betrifft im Fall der österreichischen Landwirtschaft vor allem die Überschussproduktion von Milch und Rindfleisch.
2. Gerade bei Obst und Gemüse kann, wie die Statistiken zeigen, in Österreich und in Deutschland von inländischer Vollversorgung keine Rede sein. Von den Konsumenten und vom Handel zu verlangen, dass nur Obst und Gemüse gekauft und vermarktet wird, wenn Ware aus heimischer saisonaler Produktion am Markt ist,erweist sich in der Marktpraxis als völlig unrealistisch.
3. Daher ist unsere Landwirtschaft gut beraten, wenn sie übertriebener Autarkie-Propaganda zwecks Abwehr von Importen eine Absage erteilt und den gemeinsamen EU-Binnenmarkt uneingeschränkt befürwortet, bei dem Inlandsabsatz, Import und Export in einer Balance sind, die vor allem von der Natur (Bodenbeschaffenheit, Klima, Höhenlage etc.) und den Produktionsverfahren (Bio-Landwrtschaft, Anbautraditionen) bestimmt wird
4. Viel wichtiger, als übertriebenes Autarkiestreben ist, mit Blick auf die Einkünfte (Umsatz minus Kosten) der Bauern ist das Bekenntnis zu einer sinnvollen Spezialisierung durch vertikale Arbeitsteilung. Wenn die Bauern von ihren Verbänden permanent motiviert werden, die Selbstvermarktung auszubauen, dann liegt in einem solchen agrapolitischen Dogmatismus eine große Gefahr. Der Lebensmittelhandel als Spezialist der Distribution kann insbesondere die Nahversorgung der Verbraucherhaushalte viel effizienter organisieren, als der direktvermarktende Landwirt mit ab Hof-Verkauf und auf Bauernmärkten.(wo sich oft Großhändler als Bauern ausgeben)
5. Die viel bessere Alternative zu realitätsfremden Träumereien von bäuerlicher Nah- und Vollversorgung der heimischen Bevölkerung sind daher langfristige Anbauverträge mit leistungsstarken Handelsketten, sowohl für den Inlandsabsatz wie auch für den Export, wie das beispielsweise im Bio-Bereich längst praktiziert wird. Ohne starke Bio-Handelsmarken gäbe es viel weniger Bio-Landwirtschaft in Österreich.
Allerdings, und da wird mir Fritz Prem, der Branchenkenner recht geben: Die Bereitschaft "ihre Bauern" durch faire Abnahmepreise "leben zu lassen", ist nicht bei allen großen Handelsketten im selben Umfang ausgeprägt. Da sollte man schon genau hinschauen. Gerade in Zeiten der Hyperinflation.
05.10.2022
08:47 Uhr
Fritz Prem
Lieber Herr Dr. Madlberger, es freut mich sehr, dass sie als einer der versiertesten Wirtschaftsjournalisten Österreichs die Kolumnen hier im Fruchtportal lesen.
Ihre Ausführungen decken sich mit meinen Erkenntnissen weitgehend.
Einen Punkt im Bereich Bioobst möchte ich noch ergänzen.
Wir haben bei der Apfelproduktion in Österreich schon seit längerer Zeit die Situation, dass wir ungefähr doppelt so viel produzieren (im Normaljahr 140 - 160.000 to) wie wir in Österreich brauchen (etwa 70 - 80.000 to).
In der Bioapfelproduktion ist der Anteil seit etwa 10 Jahren ähnlich.
Somit war es notwendig, in Europa Regionen zu finden, die auch längerfristig selbst nicht ausreichend Bioäpfel produzieren werden.
Damit ist aber ein weiterer Effekt verbunden.
Die österreichischen Kunden versuchen (wie jeder Kunde) auch den Preis aus zu reizen.
Wenn man also durch den Export mehr als viereinhalb Kunden (in Österreich, auf Grund des hochkonzentrierten LEH) hat, dann kann man den Warenstrom so lenken, dass jeder jene Qualität bekommt, die er zu zahlen bereit ist.
Somit hat sich in Österreich ein Preisgefüge entwickelt, das den österreichischen Konsumenten die gute Qualität sichert.
Sie werden aus diesem Grund kaum ein öffentliches Jammern aus der Biobranche hören.
Wenn man die ungeschriebenen Spielregeln des Marktes nicht spielt, dann darf man sich nachher nicht beklagen, dass der Markt "böse" sei.
Das ist er nämlich nicht.