Backhaus: Moderner Gemüsebau braucht Wirtschaft und Wissenschaft
Anlässlich des Branchentreffs und Feldtages Gemüsebau auf den Versuchsflächen des Norddeutschen Kompetenzzentrums für Freilandgemüsebau in Gülzow verweist Agrarminister Dr. Till Backhaus auf die enge Verbindung von Praxis und Wissenschaft im Gemüsebau.

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„Der Gemüsebau gehört zwar flächenmäßig zu den kleineren Bereichen unserer Landwirtschaft. Seine Bedeutung für unsere Ernährung, die regionale Wertschöpfung und die Versorgung mit frischen Lebensmitteln ist jedoch enorm.
Gleichzeitig gehört der Gemüsebau zu den anspruchsvollsten Produktionsrichtungen überhaupt.
Kaum ein anderer Betriebszweig ist so arbeitsintensiv, so innovationsgetrieben und gleichzeitig so stark von Wetter, Marktpreisen und politischen Rahmenbedingungen abhängig. Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe ist deshalb angespannt.
Unsere Gemüsebaubetriebe - überwiegend kleine und mittelständische Familienunternehmen - kämpfen mit steigenden Kosten auf nahezu allen Ebenen.
Der gesetzliche Mindestlohn erhöht die Arbeitserledigungskosten erheblich. Hinzu kommen deutlich gestiegene Preise für Energie, Treibstoffe, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel. Gleichzeitig nimmt der bürokratische Aufwand stetig zu.
Auch Zulassungssituation bei Pflanzenschutzmitteln, Fragen des Stickstoffmanagements sowie Balance zw. Grundwasserschutz, Qualitätsanforderungen des Handels und wirtschaftlicher Produktion stellen Betriebe vor steigende Herausforderungen.
Hinzu kommen europäische und nationale Vorgaben, die unsere Betriebe zusätzlich belasten.
Mit Sorge beobachten wir deshalb die Diskussionen um die zukünftige Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027.
Die Direktzahlungen sind gerade für arbeitsintensive Sonderkulturen ein wichtiger Stabilitätsanker. Zusätzliche Kürzungen oder eine weitere Degression der Direktzahlungen würden viele Betriebe empfindlich treffen.
Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die GAP auch künftig Planungssicherheit bietet und die tatsächliche Wertschöpfung sowie den hohen Arbeitskräftebedarf im Gartenbau angemessen berücksichtigt.
Große Sorgen bereitet der Branche außerdem der fortlaufende Verlust zugelassener Pflanzenschutzmittel.
Der Schutz von Mensch, Umwelt und Biodiversität hat höchste Priorität.
Gleichzeitig dürfen den Betrieben notwendige Werkzeuge nicht entzogen werden, ohne dass praktikable Alternativen zur Verfügung stehen.
Forschung, Züchtung, digitale Verfahren und mechanische beziehungsweise robotergestützte Unkrautregulierung werden künftig eine noch größere Rolle spielen.
Ein Blick auf die bundesweiten Zahlen macht das deutlich.
Der Selbstversorgungsgrad Deutschlands mit Gemüse lag im Wirtschaftsjahr 2024/2025 bei lediglich 40,1 % - 60 % unseres Gemüses stammen aus dem Ausland.

Besonders deutlich wird dies bei der Tomate. Sie ist mit Abstand das beliebteste Gemüse der Deutschen. Dennoch deckt der heimische Anbau lediglich 4,8 % des gesamten Verbrauchs ab.
Selbst wenn ausschließlich Frischtomaten betrachtet werden, liegt der Selbstversorgungsgrad lediglich bei 12,9 %.
Lediglich bei Weiß- und Rotkohl produziert Deutschland mit Selbstversorgungsgrad von 113 % mehr als verbraucht wird. Bei Möhren, Karotten und Roter Bete liegt Wert immerhin bei 79 %.
Versorgungssicherheit beginnt also auf unseren Äckern. Sie beginnt mit leistungsfähigen landwirtschaftlichen Betrieben und mit verlässlichen politischen Rahmenbedingungen.
Auch MV entwickelt sich im Gemüsebau erfreulich. 2025 bewirtschafteten 65 Betriebe eine Anbaufläche von 2.479 ha. Das entspricht Flächenzuwachs von 4 % gegenüber Vorjahr und 9 % gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Noch erfreulicher entwickelte sich die Ernte. Im vergangenen Jahr wurden in MV 74.482 Tonnen Gemüse erzeugt. Das waren 10 % mehr als 2024 und sogar 16 Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2024.
Die wichtigste Gemüsekultur unseres Landes bleiben die Speisezwiebeln. Im vergangenen Jahr wurden 15.538 t geerntet. Es folgen Romanasalat mit 10.055 Tonnen sowie Brokkoli.
Besonders erfreulich entwickelt sich ökologische Gemüsebau. Mittlerweile wirtschaften 30 Betriebe ökologisch und bewirtschaften 836 ha Gemüsefläche.
Damit entfällt inzwischen rund ein Drittel der gesamten Gemüseanbaufläche MV auf den ökologischen Landbau. Gegenüber dem Jahr 2024 ist die ökologisch bewirtschaftete Fläche um 24 % gestiegen.
Noch eindrucksvoller ist die Entwicklung der Erntemengen.
Mit 23.392 t Biogemüse wurden 60 % mehr geerntet als im 2024. Vergleicht man Zahlen mit Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2024, dann hat sich die ökologische Gemüseernte nahezu verdoppelt.
Die größten ökologischen Anbauflächen entfallen auf Rote Bete und Speisekürbisse.
MV verfügt aber über erhebliches Entwicklungspotenzial. Entscheidend dafür sind Innovationen.
Und genau dafür steht das Norddeutsche Kompetenzzentrum für Freilandgemüsebau hier in Gülzow. Es ist Teil der Norddeutschen Kooperation im Gartenbau, einem Netzwerk von acht spezialisierten Kompetenzzentren in sechs Bundesländern.
Jedes Kompetenzzentrum bearbeitet einen eigenen Schwerpunkt, vom Obstbau über Baumschulen, Zierpflanzenbau und Unterglasgemüse bis hin zum Freilandgemüsebau.
Hier werden praxisnahe Lösungen entwickelt, die unmittelbar den Gemüsebaubetrieben zugutekommen. Im Mittelpunkt stehen dabei: resiliente Anbausysteme, Klimaanpassung, Humusaufbau, Torfreduktion, Überwinterungsanbau sowie Wasser- und Nährstoffmanagement, um nur einige zu nennen.
Diese Forschung ist kein Selbstzweck. Sie hilft den Betrieben, Betriebsmittel einzusparen, Erträge zu sichern, Ressourcen effizient einzusetzen und gleichzeitig Umwelt- und Klimaschutz miteinander zu verbinden.
Auch deshalb brauchen unsere Gemüsebaubetriebe moderne Technologien. Die Entwicklung schreitet voran mit automatisierter Feldrobotik, lasergestützter Unkrautregulierung, elektrischer Unkrautbekämpfung und kameragestützter Hacktechnik sowie digitaler Sensorik zur Bewässerungssteuerung.
Digitalisierung, Automatisierung und Präzisionslandwirtschaft sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Sie sind Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.
Dafür braucht es die enge Vernetzung von Forschung, Beratung, Wirtschaft und landwirtschaftlicher Praxis. Das ist die große Stärke unseres Standortes in Gülzow.“
Quelle: Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern
Veröffentlichungsdatum: 09.07.2026

