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Schweiz: Drei Haselnüsse für Stefan Gerber

28. September 2026

Haselnüsse gehören zu den einheimischen Gehölzen. Dennoch werden sie in der Schweiz kaum professionell angebaut, berichtet der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID). 

Der Biologe und Landwirt Stefan Gerber aus Mettmenstetten sieht darin eine Chance: Mit 1’900 Haselbäumen und einer Sortensammlung von über 70 internationalen Sorten sucht er nach den Haselnüssen der Zukunft für das Schweizer Klima.


Stefan Gerber in der Mitte und zwei Mitarbeiter bei der Haselnussernte. (Foto © LID/ jba)

Zwischen den Reihen der Haselnussbäume sind grüne Netze gespannt. Die reifen Nüsse, die in den letzten Tagen zu Boden gefallen sind, liegen darauf und werden in der Mitte der Baumreihen gesammelt. 

Drei Männer gehen unter dem Netz, heben es an und schieben so die Nüsse vor sich her. So entsteht am Ende der Baumreihe ein grosser Haufen Haselnüsse und Hüllblätter.

«Das fühlt sich fast an wie Shrimps fangen», sagt Stefan Gerber, der Betriebsleiter.


Die Erntemaschine funktioniert wie eine grosser Staubsauger. (Foto © LID / jba)

Erntemaschine aus der Türkei – der wichtigsten Anbauregion

Sobald die Nusshaufen gemacht sind, fährt der Landwirt mit seinem alten orangefarbenen Fiat-Traktor und einer angehängten Erntemaschine heran. 

Diese funktioniert wie eine Art grosser Staubsauger. Mit einem langen Rohr, welches von Hand zu den Haufen geführt wird, saugt die Maschine die Nüsse an.

Danach trennt sie die guten Haselnüsse von ihren Hüllblättern und sammelt sie in einem Sack. In einem weiteren Sack werden die «unsicheren» Nüsse gesammelt, welche etwas zu leicht waren und hinten fallen leere Haselnüsse mit Hüllblättern und weiteres Pflanzenmaterial heraus. 

Die «unsicheren» Nüsse lässt Stefan Gerber trotzdem öffnen, sie sind eventuell kleiner als die guten oder ganz leer.


Foto © LID / jba

Die Erntemaschine hat Stefan Gerber direkt aus der Türkei importiert. Das ist kein Zufall: Die Türkei produziert rund drei Viertel der weltweit gehandelten Haselnüsse und ist mit Abstand die wichtigste Anbauregion der Welt.

Die Methode mit den Netzen setzt der Landwirt diesen Herbst zum ersten Mal um. «Es ist zwar zeitintensiv, die Netze zu spannen, doch es lohnt sich nachher beim Ernten», zieht er Bilanz.

Er hat aber noch nicht zwischen allen Baumreihen Netze gespannt. Bei den Reihen, wo er aufgrund der Trockenheit weniger Ertrag erwartet, werden die Nüsse noch von Hand vom Boden aufgelesen und mit Kesseln zusammengetragen.

«Das geht ganz schön in den Rücken», meint einer der Mitarbeiter. Auch Stefan Gerbers Mutter Elisabeth Gerber hilft auf dem Hof mit, wo sie kann. 

«Das ist für mich sehr viel Wert», sagt der Betriebsleiter.


Biologe und Landwirt Stefan Gerber. (Foto © LID / jba)

1’900 Bäume und über 70 Sorten

Auf dem Betrieb im zürcherischen Mettmenstetten stehen insgesamt 1’900 Haselnussbäume. 

Ja richtig, Bäume, nicht Sträucher: In der Anlage verwendet Stefan Gerber aufgepfropfte Haseln und dadurch bilden die Bäume keine Schösslinge dem Boden nach, wie dies die Sträucher tun.

Das bringt mehrere Vorteile: Die Kronen sind besser durchlüftet, die Bewirtschaftung wird durch einfachere Durchfahrt erleichtert und die Baumhaselunterlage ist aufgrund ihres tieferreichenden Wurzelwerkes besser in der Wasserbeschaffung als wurzelechte Sträucher.

Für die Produktion verwendet Stefan Gerber hauptsächlich sechs Sorten. Wobei er heute meint, dass er nicht mehr dieselben Sorten dafür wählen würde.

Weil jedoch bislang wenig Wissen über geeignete Haselnusssorten für das Schweizer Klima vorhanden ist, hat er zusätzlich eine Sortenversuchsanlage angelegt. 

Dort wachsen über 70 Sorten aus Europa, Asien und den USA.

Ziel des Versuchs ist es, geeignete Bestäubungspaare zu finden, ertragreiche Sorten für die hiesigen Bedingungen zu identifizieren und widerstandsfähige Genetik auszuwählen.

Haseln werden durch Wind bestäubt. Zwar besitzt jede Pflanze männliche und weibliche Blütenstände, eine Selbstbestäubung ist jedoch nicht möglich. 

Deshalb sind passende Sortenkombinationen entscheidend für einen guten Ertrag.


Foto © LID / jba

Biodiversität als zentrales Anliegen

Solch eine Anlage zu erstellen, ist kapitalintensiv. 

Unterstützung erhielt Stefan Gerber von der Plattform Crowd Container, die Direktbeziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten fördert und Projekte der regenerativen Landwirtschaft unterstützt.

Mitfinanziert wurden nicht nur die Sortensammlung, sondern auch Biodiversitätsförderflächen. Zwischen den Baureihen wachsen Blühstreifen. 

Ergänzt werden sie durch Hecken sowie Stein- und Asthaufen als Lebensräume für Tiere.

Begeistert erzählt Stefan Gerber von den vielen Wieseln, die im Sommer von der Drohne für die Rehkitzrettung entdeckt wurden.

Für ihn ist die Förderung der Artenvielfalt mehr als ein Nebeneffekt. Der heutige Landwirt ist ursprünglich Biologe. 

Lange Zeit plante er nicht, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Als sein Vater erkrankte, rückte die Hofnachfolge jedoch plötzlich in den Mittelpunkt. 

Stefan Gerber absolvierte daraufhin den Nebenerwerbskurs Landwirtschaft und bereitete sich auf die Übernahme vor.


Foto © LID / jba

Vom Biologen zum Haselnussproduzenten

Gerbers Vater hielt zwölf Milchkühe und betrieb Futter- sowie und Obstbau. «Von allem ein wenig, aber auf keinen Betriebszweig spezialisiert – eben ein typischer kleiner Mittellandbetrieb von früher», beschreibt Stefan Gerber die Situation.

Der Betrieb umfasst heute 10,7 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche. Davon entfallen rund 2,7 Hektaren auf Wald und 8 Hektaren auf Ackerland und Dauerkulturen, darunter die Haselnussanlage.

Von dieser Betriebsgrösse allein könnte eine Familie heute kaum mehr leben. Deshalb arbeitet Stefan Gerber weiterhin zu 80 Prozent ausserhalb des Betriebs in einem Unternehmen, das auf die Aufreinigung von Pressabfällen aus Soja- und Sonnenblumen spezialisiert ist.

Als er sich Gedanken über die Zukunft des Hofes machte, stellte er sich eine ungewöhnliche Frage: «Wenn ich ein Ausserirdischer wäre, was würde ich hier anbauen?»

Die Antwort führte ihn zur Haselnuss: «Ich wollte etwas produzieren, was grundsätzlich heimisch ist, aber trotzdem eine Nische besetzt – es sollte eine sinnvolle Produktion sein und gleichzeitig die Biodiversität fördern.»

Das nötige Fachwissen eignete er sich unter anderem auf dem Ausbildungsbetrieb von Andreas Gauch in Niederwil im Kanton Aargau an. 

2020 übernahm er den elterlichen Betrieb, ein Jahr später pflanzte er die Haselnussanlage. 

Regelmässig tauscht er sich zudem mit der «Haselnussgruppe» des Bildungszentrums INFORAMA aus. Diese entstand in den letzten Jahren aus Produzentinnen und Produzenten, nachdem die Haselnuss als Obstbaukultur anerkannt wurde.

Was ist der Nebenerwerbskurs Landwirtschaft?

Der Nebenerwerbskurs (NEK) gilt als minimale landwirtschaftliche Ausbildung für Personen, die einen Betrieb im Nebenerwerb führen möchten. 

Er berechtigt unter bestimmten Voraussetzungen zum Bezug von Direktzahlungen und dauert in der Regel ein Jahr.


Foto © LID / jba

Nicht in die Mühlen des Handels geraten

Heute hat die Anlage ein Ertragspotenzial von 800 bis 1’000 Kilogramm Haselnüssen pro Jahr – tendenziell steigend. Die Ernte beginnt Anfang September und dauert bis in den frühen Oktober. 

Es werden drei bis vier Erntedurchgänge gemacht, die jeweils ungefähr einen Tag beanspruchen.

Langfristig will Stefan Gerber seine Haselnüsse ausschliesslich direkt vermarkten. «Wenn man die Ware in den Handel gibt, ist man schnell am kürzeren Hebel und kann nicht mehr viel mitreden», begründet er.

Sein Ziel ist eine professionelle Produktion mit eigener Verarbeitung und Vermarktung. Aus diesem Grund baut er das alte Ökonomiegebäude um. 

Wo früher Kühe standen und Heu gelagert wurde, sollen künftig Haselnüsse verarbeitet werden.

Das Knacken lässt Stefan Gerber auswärts bei Christoph König in Münchenbuchsee erledigen. Dort werden die Nüsse auch kalibriert und nach dem Knacken sortiert. Das spart ihm viel Arbeit.

Verkauft werden die Haselnüsse in verschiedenen Formen: Als ganze Kerne, geknackt, geröstet, mit Schokolade überzogen oder als Haselnuss-Kakao-Brotaufstrich. 

Besonders beliebt sind die Produkte mit Schokolade, die er gemeinsam mit seinem Kollegen, Kian Ramezani, herstellt und an lokalen Weihnachtsmärkten verkauft.

Eine Kultur mit Perspektiven

Noch sind die Erträge vergleichsweise bescheiden, besonders in diesem Jahr, das durch Trockenheit geprägt ist. Doch die Bäume erreichen ihr volles Produktionspotenzial erst in den kommenden Jahren. Stefan Gerber ist überzeugt, dass die Haselnuss in der Schweiz Zukunft hat. 

Mit seiner Sortensammlung sucht er nach Sorten, die unter hiesigen Bedingungen besonders ertragreich und robust sind.

Als er sich einst fragte, was ein Ausserirdischer auf diesem Hof anbauen würde, suchte er nach einer Kultur, die hierher passt und dennoch ungewöhnlich ist. 

Heute stehen in Mettmenstetten 1’900 Haselnussbäume. Die ersten Säcke der diesjährigen Ernte zeigen: Die Antwort eines Ausserirdischen auf diese Frage könnte tatsächlich die Haselnuss sein.

 

Quelle: LID

Veröffentlichungsdatum: 28.09.2026

Schlagwörter

Lid, Schweiz, Anbau, Haselnüsse, Biologe, Landwirt, Stefan Gerber