Bio-Branche: „Deutschland als Nettozahler muss Brüssels Pläne dringend korrigieren“
Anlässlich der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz stellt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) eine Studie vor, die die Folgen des Vorschlags der EU-Kommission für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2027 beispielhaft für die Förderung des Ökolandbaus abschätzt.
Demnach müssten Bund und Länder 500 bis 700 Millionen Euro mehr gegenüber der aktuellen Förderperiode zahlen, um die GAP-Mittel für den Ökolandbau abzurufen.
Die Fortführung aller Agrarumweltprogramme käme noch deutlich teurer; kürzlich berechnete eine Studie allein für Sachsen eine Verdopplung der Zusatzkosten für alle Programme der ländlichen Entwicklung (inkl. Ökolandbau).
Hauptursache: die abgesenkte Höhe der EU-Kofinanzierungsrate für Agrarumweltmaßnahmen. Brüssel will den GAP-Anteil auf 70 Prozent begrenzen.
Da die Länder die Förderung ihrer Umweltprogramme unterschiedlich gestalten, liegen ihre bisherigen Kofinanzierungsraten laut der Studie des Agrarökonomen Sebastian Lakner von der Universität Rostock weit auseinander.
Im Schnitt liegen sie bei 79 Prozent.
Sieben Flächenländer bestreiten die Ökolandbau-Förderung sogar zu 100 Prozent aus GAP-Mitteln: Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein sowie alle Ost-Bundesländer bis auf Sachsen, das den Ökolandbau mit 80 Prozent EU-Geldern finanziert.
Dementsprechend fällt der zu erwartende Anstieg der Kofinanzierung unterschiedlich hoch aus.
Mecklenburg-Vorpommern müsste im Jahr 2031 gegenüber 2024 21,4 Millionen Euro drauflegen, Brandenburg 18,4 Millionen Euro.
Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein müssten jeweils rund 10 Millionen Euro mehr zahlen.
Andere, vor allem Bayern und Baden-Württemberg, könnten die Kofinanzierung für die reine Bio-Förderung zwar aufstocken, müssten aber mit Blick auf ihre gesamte Agrarumweltförderung ebenfalls mit Zusatzkosten rechnen.
Die Studie simuliert auf Grundlage des bisherigen Bioflächen-Wachstums die Entwicklung und kommt auf einen Anteil in 2031 von 12,9 Prozent (2024: 11,5 Prozent).
Doch selbst im unwahrscheinlichen Fall eines Stillstands bei der Umstellung auf Bio würden die Kosten für Bund und Länder ab 2028 immer noch um 436 Millionen Euro gegenüber der aktuellen Förderperiode steigen.
Von diesen Zusatzkosten muss der Bund 60 Prozent über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) finanzieren.
Der GAP-Vorschlag selbst verfährt in punkto Umweltförderung laut Studie zweigleisig. Einerseits verpflichte er die EU-Staaten zu mehr Nachhaltigkeitsförderung durch „Agrarumwelt- und Klimaaktionen“.
Die Mittelbeschaffung für die gestiegene Kofinanzierung dieser Programme überlasse er jedoch den Mitgliedstaaten.
Alle einkommensfördernden Flächenprämien will die Kommission weiterhin zu 100 Prozent finanzieren und stelle sie damit besser.
Aus Sicht der Wissenschaft, so Studienautor Sebastian Lakner, setze der Vorschlag problematische Anreize zu Gunsten von ineffizienten Einkommensinstrumenten, die wenig zu gesellschaftlichen Leistungen beitrügen.
Insgesamt sei der Reformentwurf daher ein „Rückschritt“. Das ökonomische Prinzip „öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen“ komme zu kurz.
Bisher hat sich die Regierung nicht zum Kommissionsvorschlag geäußert.
Deutschland ist größter Nettozahler für den GAP-Fonds und der Bund mit 60 Prozent an der GAP-Kofinanzierung der Länder beteiligt.
Die Kommission legte ihren Plan im Juli 2025 vor.

Thomas Lang. (Foto © BÖLW)
Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim Bio-Spitzenverband BÖLW, zur Studie:
„Deutschland als Nettozahler muss dringend Brüssels Pläne korrigieren. Was die Förderung der Nachhaltigkeit im Agrarsektor angeht, fällt der Kommissionsvorschlag weit hinter die aktuelle GAP zurück.
In den aktuellen Debatten des Agrarrats wird „Resilienz“ als neues Leitprinzip künftiger Agrarpolitik ausgerufen.
Dazu ist Ökolandbau der Schlüssel – und das nicht nur, weil er ohne fossile Düngemittel auskommt.
Sowohl der Green Deal als auch die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) sehen ganz klar mehr Mittel für Umweltleistungen vor.
Die Bio-Nachfrage wächst: Die Leute wollen Bio, am liebsten aus der Region. Wenn Brüssel ausgerechnet bei der Öko-Förderung den Hahn stärker zudreht, ist das ein Affront gegenüber Verbraucherinnen und Steuerzahlern zugleich.
Die Schäden der Landwirtschaft schlagen laut ZKL mit 90 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland zu Buche.
Das muss aufhören! Das gesetzlich kontrollierte System Ökolandbau gilt als Investition in die Naturwiederherstellung.
Dass die Mitgliedstaaten für den Schutz ihrer Umwelt künftig deutlich mehr auf die GAP drauflegen sollen, ist ein schlechter Deal.
Umweltleistungen dürfen nicht vom Spielraum der Haushälter abhängig sein, sonst droht ein ruinöser Wettbewerb nach unten.
Ohne eine faire Honorierung der nachhaltig wirtschaftenden Höfe wird die Rechnung später um ein Vielfaches höher: für Wasseraufbereitung, Klimaschäden oder den Schwund der Bestäuber.
Landwirtinnen und Landwirte brauchen mehr statt weniger Anreize, um naturnah und tierfreundlich zu arbeiten.”
Die Forderungen der Verbände im BÖLW:
- Die Bundesregierung muss Flagge zeigen und die Pläne der EU-Kommission für die Gemeinsame Agrarpolitik korrigieren.
- Die GAP braucht wieder ein festes Budget für Gemeinwohlleistungen. Die Verteilung per Gießkanne auf der Fläche muss aufhören.
- Deutschland braucht ausreichend GAP-Mittel für den Ökolandbau. Steuergelder müssen zum Wohle der Allgemeinheit investiert werden.
Hintergrund
Die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland betrug 2025 1,93 Millionen Hektar, das ist in etwa so viel Fläche wie das Bundesland Rheinland-Pfalz.
Die Bio-Branche beschäftigte 2024 388.000 Menschen.
Der Umsatz mit Bio-Produkten wuchs im Jahr 2025 um 6,7 Prozent auf 18,23 Milliarden Euro und lag im ersten Quartal 2026 bei plus 6 Prozent gegenüber Vorjahr.
Die Nachfrage wuchs damit deutlich dynamischer als die Anbaufläche, die 2025 gegenüber 2024 um 1,1 Prozent zunahm.

Foto © Sebastian Lakner
Zur Studie: Sebastian Lakner (2026): Auswirkungen des GAP-Reformvorschlags auf die Förderung des Ökolandbaus in Deutschland, Universität Rostock
Quelle: BÖLW
Veröffentlichungsdatum: 25.06.2026