Obstbau im Wandel: Publikation skizziert Zukunftsszenarien für Mitteldeutschland
Wie stellen sich mitteldeutsche Obstbau-Unternehmer:innen, Obstgärtner oder Gartenbauingenieurinnen ihre eigene Branche im Jahr 2035 vor? Forschende des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) haben jetzt die Broschüre "Zukünfte für den mitteldeutschen Apfel" auf der Landwirtschaftsmesse agra 2026 in Leipzig vorgestellt.

Unternehmenswissen direkt abrufen durch KI-gestützten Obstbau. (Foto © Fraunhofer IVV)
Die Publikation bündelt vier Best-Case-Szenarien, die zeigen, wie sich Anbau, Verarbeitung und Vermarktung bestmöglich entwickeln könnten – von der resilienten Streuobstwiese bis zur KI-gestützten Landwirtschaft.
Die Szenarien entstanden gemeinsam mit Praxispartnern aus dem Verbundprojekt MIRO. Messebesucher:innen konnten die Ergebnisse mit dem Projektteam vor Ort diskutieren.
Klimastress, Fachkräftemangel und neue digitale Nachweispflichten setzen Obstbaubetriebe zunehmend unter Druck. Zukunftsszenarien können dabei helfen, notwendige Veränderungen früher zu erkennen.
"Mit dieser Art von Szenarien wollen wir keine Prognosen liefern, sondern Denkräume öffnen", erklärt Dr. Valentin Knitsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gruppe Futures and Innovation am Fraunhofer ISI und Hauptautor der Publikation.
"Diese vier sehr persönlichen, gemeinsam mit Forschenden entwickelten Zukünfte sollen Anstoß geben, verschiedene Entwicklungspfade für den mitteldeutschen Obstbau am konkreten Beispiel weiterzudenken."

Publikation: Zukünfte für den mitteldeutschen Apfel 2035. (Foto © Fraunhofer ISI)
Vier Perspektiven auf die Zukunft des Obstbaus
Im Rahmen eines mehrjährigen Prozesses entwickelte das Leipziger Team gemeinsam mit Partnern aus Obstbau, Streuobstbewirtschaftung, Beratung und Forschung vier Szenarien.
Diese verknüpfen erzählerische Zukunftsbilder mit Illustrationen und wissenschaftlichen Transformationspfaden.
Im ersten Szenario machen beispielsweise neue Förderinstrumente Streuobstwiesen wirtschaftlich tragfähig und stärken dadurch auch den Klimaschutz.
Robuste Sorten und flexible Arbeitsmodelle sichern im zweiten Szenario konventionelle Betriebe und erleichtern die Betriebsnachfolge.
Im dritten Szenario steigert unter anderem die Digitalisierung ökologische Leistungen und öffnet zusätzliche Einkommensquellen für die Betriebe.
Eine technologische Landwirtschaft nutzt im vierten Szenario Künstliche Intelligenz, Robotik und digitale Zwillinge für effizientere Prozesse.
"Wenn wir den Obstbau zukunftsfähig machen wollen, brauchen wir nicht nur Ideen, sondern auch verlässliche Förderstrukturen und klare Perspektiven für kleinere Betriebe. Genau das hat mir die Arbeit an unserem Szenario noch einmal deutlich gemacht", resümiert Heiko Hübler, Vorstandsvorsitzender der OGS Obstgut Genossenschaft Seelitz eG, der als Praxispartner an der Publikation beteiligt war.
Gemeinsame Handlungsfelder für alle Zukunftspfade
Trotz unterschiedlicher Ansätze sind sich die Praxispartner in zentralen Handlungsfeldern einig. Entscheidend für die Zukunft des Obstbaus sind aus ihrer Sicht:
- die Weiterentwicklung von Förderstrukturen und -maßnahmen, unter anderem im Streuobstbereich,
- der Bürokratieabbau, auch mit Hilfe von Digitalisierung,
- Klimaresilienz durch eine durchdachte Wasser- und Sortenstrategie und
- zielgerichtete und effiziente Vernetzungs-, Beratungs- und Qualifizierungsangebote.
Das Leipziger Team leitete insgesamt 23 Diskussionsstränge für Politik, Verbände und Betriebe ab.
KI-basierte Wissensvermittlung
Einen möglichen Baustein dieser Zukunft stellte heute auch Projektpartner Dr. Lukas Oehm, Gruppenleiter am Fraunhofer IVV (Gesamtleitung des Projekts MIRO), auf der Landwirtschaftsmesse in Leipzig vor: ein Wissensmanagementsystem mit integriertem KI-Chatbot.
Es soll unternehmensinternes Wissen mithilfe automatisierter Übersetzungen schneller zugänglich machen und so die Einarbeitungszeit von neuen Saisonkräften, festangestellten Mitarbeitenden oder Aushilfen verkürzen.
Zudem können die gesammelten Daten strukturiert und analysiert werden – so bleiben Erfahrungen nachhaltig dokumentiert und fließen in zukünftige Betriebsentscheidungen ein.
Hintergrund und Ausblick: MIRO und seine Ziele
Das Projekt "MIRO – Mitteldeutsche Innovationsregion Obstbau" und der dazugehörige Begleitprozess laufen noch bis Ende 2027.
Ob die erarbeiteten Zukunftsbilder Realität werden, hängt nun davon ab, ob und wie sich die Ideen und Gedankenanstöße in den kommenden anderthalb Jahren konkretisieren und weiterführen lassen.
Das Projekt ist Teil der Zukunftsregionen des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH).
Diese Initiative stärkt ländliche Räume durch praxisnahe Digitalisierungsvorhaben und nachhaltige Wertschöpfungsketten. In sieben regionalen Use Cases testen Forschende gemeinsam mit Betrieben digitale Anwendungen entlang der gesamten Kette – vom Feld bis zum Markt.
Ziel ist, Planungssicherheit zu schaffen und mittelständische Betriebe zu unterstützen.
Das Fraunhofer IVV koordiniert das Verbundprojekt MIRO, beteiligt sind außerdem das Fraunhofer ISI, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), IMMS, die TU Dresden und die Universität Leipzig.
Quelle: Fraunhofer ISI
Veröffentlichungsdatum: 15.04.2026