Jerusalem-Artischocke, die nicht aus Jerusalem stammt: Topinambur wird wieder zum Trendgemüse
Sie hat eine wunderschöne gelbe Blüte, einen Geschmack, der irgendwo zwischen Artischocke und Kartoffel liegt, Dutzende von Namen in verschiedenen Ländern und eine bemerkenswerte Geschichte, wie EastFruit berichtet.

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„Topinambur, weltweit bekannt als Jerusalem-Artischocke, gehört zu jenen Nutzpflanzen, die die Menschheit immer wieder vergisst und dann wiederentdeckt“, sagt Kateryna Zvierieva, Entwicklungsdirektorin des Ukrainischen Gartenbauverbandes (UHA).

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Heute erlebt sie ihr Comeback nicht als ‚Gemüse aus der Vergangenheit‘, sondern als abfallfreie, umweltfreundliche und wirtschaftlich attraktive Kulturpflanze für Landwirte und Verarbeiter“, so Kateryna Zvierieva.
Das Interessanteste daran: diese „Jerusalem-Artischocke“ hat absolut nichts mit Jerusalem zu tun.
Warum „Jerusalem“, wenn sie aus Amerika stammt?
Die Geschichte hinter dem Namen könnte Stoff für einen kulinarischen Roman liefern. Die Heimat der Topinambur ist Nordamerika, wo sie die indigenen Völker schon lange vor der Ankunft der Europäer anbauten und verzehrten.
Die Pflanze gelangte Anfang des 17. Jahrhunderts dank des französischen Anwalts und Reisenden Marc Lescarbot nach Europa, der Knollen aus Kanada nach Frankreich brachte.

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In Frankreich wurde sie nach dem brasilianischen Stamm der Tupinambá benannt, dessen Vertreter zu dieser Zeit im Rahmen ethnografischer Ausstellungen durch Europa tourten. Die Franzosen gaben einem neuen Gemüse einfach einen exotischen Namen.
„Die italienische Version ist jedoch noch eleganter. In Italien hieß Topinambur Girasole, was ‚Sonnenblume‘ bedeutet, da die Pflanze einer Sonnenblume ähnelt.“

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„Als das Wort Girasole in den englischen Sprachgebrauch überging, wandelte es sich allmählich zu ‚Jerusalem‘. So entstand Jerusalem- Artischocke – ein Name, der weder Artischocke noch Jerusalem in seiner Geschichte hat“, erklärt Zvierieva.
Aus Marketingperspektive war das genial. Historisch gesehen reiner Zufall. In Italien konnten einige Betriebe ihre Rentabilität durch die Verarbeitung von Topinambur und die aktive Vermarktung über Fachmedien steigern.

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Vom Arme-Leute-Essen zur Delikatesse
Die Geschichte der Topinambur in Europa ist widersprüchlich. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Topinambur weit verbreitet als Alternative zu Kartoffeln angebaut.
Nachdem Kartoffeln jedoch zu einer Massenkultur geworden waren, wurde Topinambur schnell verdrängt.
Topinambur wurde als „zu einfach“, „ländlich“ und später sogar als „Nahrungsmittel für Notzeiten“ angesehen.
Im 20. Jahrhundert erlebte sie während Kriegen und Krisen ein Comeback, als Landwirte schnelle Ernten mit minimalem Aufwand benötigten. Dann geriet sie wieder in Vergessenheit.
Erst im 21. Jahrhundert feierte Topinambur ein unerwartetes Comeback in einer neuen Rolle: als Nischenprodukt für Restaurants, als Zutat für funktionelle Lebensmittel, als Rohstoff für die Weiterverarbeitung und sogar als Energiepflanze.
Heute findet man sie auf Speisekarten in Italien, Frankreich und Deutschland, in Bioläden, in der Pharma- und Nahrungsergänzungsindustrie sowie in Biokraftstoff- und Ökostromprojekten.

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Das Geheimnis: Inulin und „intelligente“ Kohlenhydrate
Die wichtigste biochemische Eigenschaft ist sein hoher Inulingehalt. Im Gegensatz zu Stärke ist Inulin ein spezielles Kohlenhydrat, das den Blutzuckerspiegel nicht stark ansteigen lässt, als Präbiotikum wirkt und in funktionellen Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln weit verbreitet ist. Daher wird es oft als „Gemüse für gesundheitsbewusste Menschen“ bezeichnet.

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Eine abfallfreie Kulturpflanze – alles ist vermarktbar
Aus wirtschaftlicher Sicht ist es eine nahezu ideale Kulturpflanze:
1. Knollen: Frischmarktverkauf, Verarbeitung, Gefriertrocknung, Pulver, Sirup, Chips, Tiefkühlprodukte, Pürees und Zutaten für die Lebensmittelindustrie.
2. Oberirdische Biomasse: Stängel und Blätter werden für Biokraftstoffpellets, Biogas, Bioethanol und Kompost verwendet. 1 Hektar Topinambur kann mindestens 10 Tonnen trockene, gehäckselte Stängelbiomasse produzieren. „Dies ist eine Kulturpflanze mit doppelter Wirtschaftlichkeit: Die Knollen können auf dem Markt verkauft werden, während der oberirdische Teil zu Pellets verarbeitet und als Brennstoff verwendet werden kann. In diesem Fall können die Heizkosten im Winter fast auf null reduziert werden“, bemerkt der Experte.
3. Umweltvorteile: Topinambur absorbiert mehr CO₂ als viele traditionelle Nutzpflanzen, trägt zur Luftreinigung in Industriegebieten bei, wird zur Sanierung kontaminierter Böden eingesetzt und benötigt nur minimalen Pestizideinsatz. Sie ist ein seltenes Beispiel für eine Nutzpflanze, bei der nahezu jeder Teil – von der Wurzel bis zum Stängel – vermarktet werden kann.
Heute ist Topinambur wieder international präsent. „In Italien wird sie in den Regionen Venetien und Piemont angebaut, mit stabiler Nachfrage von Restaurants und Exporten nach Deutschland. In Deutschland und Österreich existiert ein gut entwickelter Markt für Bio-Produkte und Functional Food, auf dem sie sich etabliert hat.“
„In Frankreich ist sie nach wie vor ein traditionelles Gastronomieprodukt. In China und den USA laufen Forschungs- und Bioenergieprojekte mit dieser Pflanze. In Osteuropa wächst das Interesse als Nischenexportpflanze und Rohstoff für die Weiterverarbeitung. Landwirte sondieren Kooperationsmöglichkeiten im Anbau und in der Vermarktung in der Ukraine.“
In vielen Ländern gilt die Pflanze nicht mehr als „exotisch“, sondern als strategisch wichtig – nicht für den Massenmarkt, aber mit hohen Gewinnspannen.
Quelle: EastFruit.com
Veröffentlichungsdatum: 26.02.2026